Chiapas, im Norden

Teil 1

Meine Pläne änderten sich nicht, und so führt mich die Reise in den Norden von Chiapas. Nach einer wenig erholsamen Nacht im Bus nach Palenque und feuchtheissen Tagen in der Stadt und auf dem Land finde ich mich auf einer Camionetta wieder, zusammen mit einer Medizinerin aus Campeche, einem Gesundheitspromotor aus der Region und einer weiteren Besucherin aus Deutschland.

Über Lehmpisten sind wir unterwegs durch die Zona Norte, ein Gebiet, das ich bisher nur durch blutige Nachrichten kenne. Irgendwie hatte ich mir die Gegend anders vorgestellt, weniger heiss auf jeden Fall. Dünn besiedelt erscheint mir das Land. Sicher, überall sind die traditionellen Maisfelder zu sehen, aber dazwischen auch immer wieder wilde subtropische Vegetation. Busch, ineinandergeschlungene Pflanzen in allen Schattierungen von Grün, ein Anblick, der einfach nicht zu dem deutschen Wort "Wald" passen will.
Wir befinden uns in der Region von Tila, Schauplatz der blutigsten Aufstandsbekämpfung, Operationsgebiet von "Paz y Justicia". "Friede und Gerechtigkeit" – zynischer hätte der Name für diese paramilitärische Gruppe kaum gewählt werden können. Für über 120 Morde und Fälle von "Verschwindenlassen" sind sie verantwortlich, für Folter und Vergewaltigungen und für die Vertreibung von hunderten von Familien. Betroffen waren immer Zivilisten, zum grössten Teil Anhänger der Zapatisten oder der sozialdemokratischen Partei PRD. Wie so häufig in Chiapas sind auch hier die Mörder in vielen Fällen bekannt. Bei Paz y Justicia weiss man allerdings noch mehr: Welcher Regierungsfunktionär die Gelder gab, welcher General die Ausbildung organisierte und welche Offiziere die Waffen besorgten.
Der grösste Teil dieser Angriffe ist sieben Jahre her und inzwischern sitzen immerhin vier der Anführer im Knast – dank der hartnäckigen Arbeit des Menschenrechtszentrums Fray Bart. (Dass die Hintermänner aus Regierung und Militär bis heute unbehelligt bleiben, lohnt sich kaum zu erwähnen. Dies scheint die eiserne Regel in ganz Zentralamerika zu sein.) Paz y Justicia ist in zwei Fraktionen zerfallen, die untereinander um das Bürgermeisteramt in Tila streiten. In den Köpfen der Menschen bleibt die Bedrohung trotzdem aktuell. Die Doktorin erzählt von den Ereignissen im Februar: Starke Einheiten von Polizei und Militär rückten in Tila ein, um das Rathaus zu räumen, das von einer der Fraktionen besetzt worden war und im ganzen Landkreis stand das Leben für Tage still. Auch in dem Dorf, in dem die Doktorin arbeitet, immerhin 20 Kilometer von Tila entfernt, trauten sich die Menschen nicht auf die Strasse. "Es war wie ein Geisterdorf. Jede Tür, jedes Fenster war geschlossen und alle versteckten sich."
Von diesen Ereignissen ist nichts zu spüren, wärend die Camionetta über die Hügel holpert, sieht man mal von den gelegentlichen Militärkonvoys ab, die uns entgegenkommen und deren Besatzungen uns argwöhnisch beäugen. Die Siedlungen die wir passieren, machen einen relativ wohlhabenden Eindruck. Die meisten Hütten sind aus Betonziegeln gemauert, haben recht intakte Wellblechdächer, viele sind in leuchtenden Farben gestrichen und aus einigen dröhnen Stereoanlagen. Immer wieder sieht man grosse Tafeln, auf denen die Regierung stolz verkündet, dass diese Schule ein neues Klassenzimmer, oder jene neue Latrinen bekommt. Aber da gibt es auch andere Schilder, handgeschrieben auf Wellblech oder Holz: "Sie befinden sich auf zapatistischem Gebiet in Rebellion. Hier regiert das Volk und die Regierung gehorcht."
An einem dieser Schilder hält unsere Camionetta und wir laden unser Gepäck ab: verstaubte Rucksäcke, Plastiktüten mit Material und drei grosse Thermosboxen - gefüllt mit Eis und Impfstoffen. Frauen, Männer, Kinder aus dem Dorf kommen, uns zu begrüssen und zusammen tragen wir alles ein Stück den Berg hinab zu einer kleinen Wellblechhütte – der Gesundheitsstation. Wir werden in eine geräumige Hütte zum Frühstück eingeladen. Eine alte Frau serviert uns Tortillas, Bohnen, ein spinatähnliches Gemüse und den üblichen dünnen süssen Kaffee. Sie ist freundlich aber schweigsam, denn wie so viele hier spricht sie kaum Spanisch und wir erst recht kein Chol.
Während wir essen, versammeln sich BewohnerInnen aus dem Dorf vor der Gesundheitsstation. Sie gehören grösstenteils zu den sechs Familien hier, die weiter mit den Zapatisten organisiert sind. Sie sind im Widerstand und so wie sie jede Zusammenarbeit mit der Regierung verweigern, greifen sie auch auf das staatliche Gesundheitssystem nur im absoluten Notfall zurück. Deshalb sind haben die Menschen hier in den vergangenen zehn Jahren kaum Impfungen erhalten. Unsere Arbeit hier ist Teil einer Impfkampagne, die diesen Rückstand aufarbeiten soll.
Die lokalen Gesundheitspromotoren haben Register darüber ausgearbeitet, wer bereits welche Impfungen erhalten hat, getrennt nach Kindern und Erwachsenen. Nach denen werden nun die Menschen aufgerufen. Schluckimpfung und eine Fünffachimpfung unter anderem gegen Hämophilus für die Säuglinge, Diphterie und Tetanus für die Älteren. Meistens kommen sie mit der ganzen Familie gemeinsam an die Reihe und während die Doktorin die Listen kontrolliert und die Ausführung überwacht, geben zwei Promotoren und ich die Tropfen und Injektionen. Mich beeindruckt, wie tapfer schon vierjährige Mädchen sich die Spritze in den Oberarm setzen lassen, mit zusammengebissenen Zähnen zwar, aber mit einem Lächeln, wenn es vorbei ist. Bei den jüngeren ist es nicht ganz so einfach – den Schrecken ins Gesicht geschrieben sehen sie besonders mich an und schon die Tropfen geben so manches Mal Anlass zu grossem Geschrei. Bei den Injektionen haben sie dann wirklich Anlass zum Weinen und ich frage mich, ob meine Beteiligung an dieser Aktion wirklich förderlich ist im Sinne der interkulturellen Verständigung. Irgendwie habe ich den Verdacht, dass Dutzende Kinder in diesen Nächten von einem schrecklichen blonden Riesen träumen werden…
Nachdem wir mit dem Impfen fertig sind, kommen andere Promotores aus den Nachbargemeinden. Es sind diejenigen, die so weit ausgebildet sind, dass sie die Impfungen selbstständig durchführen können und sie kommen aus den entlegeneren Dörfern, die zum Teil nur durch einem mehrstündigen Fussmarsch zu erreichen sind. Sie tragen die Listen aus ihren Dörfern mit sich und besprechen diese der Reihe nach mit der Doktorin. Dann füllen sie die benötigten Impfstoffe und Eis in ihre kleinen Thermobehälter, halten noch einen kurzen Schwatz mit ihren Kollegen und machen sich in der brütenden Mittagshitze wieder auf den Weg in ihre Gemeinden.
Viele dieser Promotores de salud treffen wir in diesen Tagen – vom gestandenen Mann Ende vierzig bis zum Mädchen von vierzehn Jahren. Sie sind die Basis des zapatistischen Gesundheitssystems. Sie werden von ihren Gemeinden, beziehungsweise dem zapatistischen Teil ihrer Gemeinde gewählt und sind die lokalen Verantwortlichen für die Gesundheit. Sie sind Bauern, wie alle anderen, aber sie haben eine zweijährige Ausbildung durchlaufen und stellen diese Kenntnisse ihrer Gemeinde zur Verfügung. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Prävention, aber auch etwa 90 Prozent der auftretenden Erkrankungen wird von diesen "Gesundheitsförderern" vor Ort versorgt. Dabei stehen ihre Dienste immer allen Mitgliedern der Gemeinde zur Verfügung, egal, ob diese jetzt AnhängerInnen der Zapatistas sind, oder nicht.
Es fällt mir schwer, einzuschätzen welche Bedeutung dieses Basis-Gesundheitssystem wirklich hat. Zum einen stellt es für viele Menschen in Chiapas die einzige erreichbare Gesundheitsversorgung dar. Auf der anderen Seite hat auch die Regierung in den letzten Jahren offensichtlich in das öffentliche Gesundheissystem investiert und es sind an vielen Stellen staatliche Gesundheitsstationen oder Minikliniken zu sehen. Das zapatistische System, obwohl es seit meinem letzten Besuch hier grosse Fortschritte gemacht hat, leidet an vielen Stellen Mangel. Sei es, dass es an Medikamenten und Material fehlt, sei es dass auch die Kenntnisse der Promotores häufig durchaus besser sein könnten. Dass sie trotzdem einen wichtigen Dienst leisten, kann man allerdings daran erkennen, dass die Mehrheit der Patienten, die das zapatistische System in Anspruch nehmen, selbst keine Zapatisten sind, was heisst dass sie durchaus das staatliche System in Anspruch nehmen könnten. Die Strukturen der Zapatistas haben den Vorteil, dass sie tatsächlich von unten nach oben organisiert sind, dass sie von den Menschen aus den Gemeinden selbst getragen werden und von daher viel näher dran an den Nöten und Bedürfnissen der Bevölkerung sind.
Nach dem Impfen und Verteilen hält die Doktorin noch Sprechstunde für die Frauen ab, und da es um die Früherkennung von Gebärmutterkrebs geht, bleiben wir draussen. Die Sonne auf dem niedrigen Blechdach hat unsere Köpfe ganz gut gegrillt und so gönnen wir uns eine Stunde Siesta im Schatten der Häuser. Dann kündigt sich mit quäkendem Hupen die nächste Camionetta an und wir machen uns mit Sack und Pack auf in die nächste Gemeinde. Eine grössere Siedlung diesmal, gleich mit mehreren staatlichen Schulen versorgt. Wir bereiten unsere Arbeit in der kleinen autonomen Schule vor, dann bleibt uns Zeit für ein kurzes Bad im Fluss. Wieder das gleiche Spiel: Kinder, Frauen, Männer, es sind etwa 50 Personen, die wir impfen. Danach wieder Sprechstunde: Ein Promotor übersetzt von Chol in Spanisch und umgekehrt. Eine Frau, die seit vier Jahren unter starken Kopfschmerzen leidet, Kinder mit verschiedenen Infektionen, eine Frau mit einem rätselhaften Ausschlag an beiden Beinen. Einige bekommen Rezepte ausgestellt für Medikamente, die sie sich in der Gesundheitsstation vor Ort holen können, andere werden zu weiteren Untersuchungen in die autonome Klinik des Landkreises bestellt. Für die ZapatistInnen ist der Termin kostenlos, da sie das Gesundheitssystem mit ihrer Arbeit aufrechterhalten. Die anderen zahlen 20 Pesos (knapp 1,50 Euro) für die Untersuchung. Gegen halb elf in der Nacht sind die letzten Wartenden versorgt und unser Material wieder eingepackt. Wir arrangieren unsere Hängematten in der Hütte des Gemeindeältesten und richten uns auf eine kurze Nacht ein, denn um fünf Uhr morgens wird die Camionetta wieder ins nächste Dorf bringen.
Auf diese Weise touren wir zwei Tage durch den Landkreis, um am Ende wieder in der kleinen Klinik zu landen, in der die Doktorin arbeitet. Ich bleibe noch vier Tage dort, helfe bei der Sprechstunde, beim Putzen und bei den Vorsorgeuntersuchungen für Kinder. Die letzte Nacht haben wir im einzigen Bett ein Kind mit Lungenentzündung einquartiert, samt Eltern und Schwesterchen. Das Kind ist zwei Jahre alt, aber sieht aus als wäre es gerade ein halbes Jahr auf der Welt. Als es in die Klinik kommt, bekommt es kaum noch Luft. Seine Schwester, ein Würmchen von einigen Monaten, wiegt vielleicht zwei Kilo, hat ein erschreckend altes Gesicht und wenn es nicht isst, schreit es vor Hunger. Beide sind unterernährt auf die Welt gekommen und jedes bisschen an Gewicht, dass sie zunehmen ist ein Erfolg fuer die Eltern und die Doktorin. Das Kind bekommt Antibiotika, ein Spray um die Bronchien zu erweitern und alle drei Stunden Dampfbaeder mit Kamille, zubereitet mit der alten Elektrokochplatte der Klinik und einem zerbeulten Aluminiumkochtopf. Sauerstofftank und ein Inhaliergerät stehen auf der Liste der nächsten Anschaffungen für die Klinik, aber zur Zeit ist noch nicht mal das vorhanden. Nach einigen Stunden ist die Kleine immerhin so weit, dass sie etwas ruhiger atmet und um fuenf Uhr morgens wird sie von Vater und Doktorin ins nächste Krankenhaus gebracht. Es ist der einzige Transport, der von dem Dorf in diese Richtung fährt, und so ist es auch diese Camionetta, die mich wieder auf den Weg Richtung Palenque bringt.
Ein heftiger Eindruck zum Schluss, der mir noch eine ganze Weile nachhängt, während ich mich der Stadt nähere, in der es Krankenhäuser und Ambulanzen gibt, jedenfalls für die, die bezahlen können. Andere Bilder, die mir durch den Kopf gehen, von den Kindern mit Pilzinfektionen in den Ohren, von den zerfressenen und vereiterten Zähnen, ohne dass es einen Zahnarzt gäbe. Ohne Zweifel haben die Zapatistas schon viel erreicht; in den Gemeinden stirbt nicht mehr ein Grossteil der Kinder an Durchfallerkrankungen. Aber gleichzeitig wird deutlich, wie weit der Weg noch ist, den sie gehen. Dieses Gesundheitssystem will ich mir auf alle Fälle noch näher ansehen, und dafür bin ich auf dem Weg zu einem Kurs für Hebammen. Aber davon erzähle ich euch im nächten Teil...